Nüchtern trainieren: Wann es passt und wann nicht

Katja Mangold
Nüchtern trainieren: Wann es passt und wann nicht

Frühstück weglassen, Fettstoffwechsel anwerfen: Das klingt nach einem Trick, der nichts kostet. Ganz so einfach ist es nicht. Was hinter Nüchterntraining und Train Low steckt, wann es sinnvoll sein kann und wie eine gut gemachte Einheit aussieht.

Die kurze Antwort

Gezielt mit wenig Kohlenhydraten zu trainieren kann Anpassungen im Fettstoffwechsel anstoßen. Dass daraus im Wettkampf mehr Leistung wird, ist nicht sicher belegt. Im Hobbysport ist Train Low ein Werkzeug für einzelne, lockere Einheiten – keine Ernährungsform und kein Abnehmprogramm.

Leerer Magen ist nicht gleich leerer Speicher

„Nüchtern“ heißt im Training meist: ohne Frühstück aufs Rad. Über Nacht hat sich dabei vor allem der Kohlenhydratspeicher der Leber geleert. Die Speicher in der Muskulatur sind dagegen oft noch gut gefüllt, wenn du am Vortag normal gegessen hast. Für den Trainingsreiz, um den es eigentlich geht, zählt genau dieser Muskelspeicher.

Wer also morgens nüchtern eine Stunde locker rollt, trainiert nicht automatisch „Train Low“. Und wer abends hart fährt und danach kaum Kohlenhydrate isst, kann am nächsten Morgen mit vollem Bauch und trotzdem leeren Muskelspeichern starten.

Train Low und Sleep Low
Train Low bedeutet: einzelne Einheiten bewusst mit niedrigen Kohlenhydratspeichern. Eine verbreitete Variante ist Sleep Low: abends trainieren, danach kohlenhydratarm essen, über Nacht bleiben die Speicher niedrig, morgens folgt eine lockere Einheit. Für Wettkämpfe gilt das Gegenteil: Compete High, also mit vollen Speichern an den Start.

Was dabei passiert

Mit niedrigen Speichern sendet die Muskulatur stärkere Signale für Anpassungen: mehr Mitochondrien, mehr Enzyme für die Fettverwertung. In Studien verwerten trainierte Radsportler nach einigen Wochen bei gleicher Belastung tatsächlich mehr Fett.

Ob sie dadurch auch schneller werden, ist eine andere Frage. Einzelne Studien finden Leistungsgewinne, andere nicht. Und wer sich dauerhaft sehr kohlenhydratarm ernährt, verwertet Kohlenhydrate bei hoher Intensität schlechter. Genau dort, bei Antritten, Anstiegen und im Finale, wird es im Rennen meist spannend.

Wie sicher ist das? Dass mehr Fett verwertet wird, ist gemessen. Ein verlässlicher Leistungsvorteil ist es nicht. Die meisten Studien laufen über wenige Wochen und vor allem mit gut trainierten Männern.

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Mehr zum Thema

Darüber habe ich auch mit Tim Farin gesprochen – für „Asphalt und Köpfchen“, den Radsport-Newsletter der Apotheken Umschau. Beitrag lesen →

Für wen es passt

Train Low kann sinnvoll sein, wenn du regelmäßig und strukturiert trainierst, lange Ausdauerevents planst und dich ansonsten gut versorgst. Dann ist eine gezielte Einheit pro Woche ein zusätzlicher Reiz, ähnlich wie ein Intervall – nur eben über die Ernährung.

In der Beratung erlebe ich allerdings häufiger das Gegenteil: Nüchterntraining wird als Abnehmstrategie genutzt, kombiniert mit kleinen Portionen über den Tag. Dann summiert sich schnell ein Energiedefizit, das Erholung, Hormone und Leistung bremst. Fachlich heißt das RED-S. Frauen reagieren darauf im Schnitt empfindlicher. Wer abnehmen möchte, fährt mit einer guten Versorgung rund ums Training meist besser.

Train Low ist ein Trainingsreiz.
Kein Sparprogramm.

So kann eine Train-Low-Einheit aussehen

Das Protokoll aus dem Newsletter, hier mit den Gründen dahinter:

  1. Am Vorabend trainieren. Danach eine kohlenhydratarme Mahlzeit, zum Beispiel Proteine, Gemüse und etwas Fett. So bleiben die Muskelspeicher über Nacht niedrig.
  2. Morgens nüchtern oder mit Low-Carb-Frühstück starten. Kaffee ist erlaubt.
  3. Locker fahren. Zone 1 bis 2, 45 bis 60 Minuten. Intervalle passen hier nicht, dafür fehlt der Treibstoff.
  4. Danach zügig auffüllen. Innerhalb von 30 bis 60 Minuten Kohlenhydrate, Proteine und etwas zu trinken. Damit beginnt die Erholung.
  5. Dosieren. Höchstens einmal pro Woche und nicht an aufeinanderfolgenden Tagen.

Fühlst du dich während der Einheit schwach, zittrig oder unkonzentriert, darf der Riegel aus der Trikottasche. Das Training hat seinen Zweck dann trotzdem erfüllt.

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Danach sind Kohlenhydrate und Proteine Pflicht

Mit dem Ende der Einheit ist „Low“ vorbei. Jetzt gehören Kohlenhydrate und Proteine auf den Teller oder in den Shaker, und zwar zügig. Die Kohlenhydrate füllen die Speicher, damit die nächste Einheit wieder mit voller Kraft läuft. Die Proteine schützen die Muskulatur, denn bei leeren Speichern nutzt der Körper mehr Aminosäuren als Energiequelle.

Wer jetzt spart, verlängert den Mangel unnötig. Die Erholung zieht sich, das Stresshormon Cortisol bleibt länger erhöht, und aus einem gezielten Trainingsreiz wird eine Belastung, die mehr kostet, als sie bringt.

Das Wichtigste in Kürze
  • Für Train Low zählen die Speicher in der Muskulatur, nicht nur der leere Magen.
  • Mehr Fettverwertung ist belegt, ein sicherer Leistungsvorteil nicht.
  • Sinnvoll ist eine lockere, gut geplante Einheit pro Woche bei sonst guter Versorgung.
  • Als Abnehmstrategie birgt Nüchterntraining das Risiko eines Energiedefizits.
  • Danach zügig auffüllen, mit besonderem Augenmerk auf Kohlenhydrate und Proteine.
Katja Mangold
Autorin Katja Mangold · Nutrition, Health & Performance

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Grafik: © Jakob Hauser / W&B

Quellen & Grenzen

Grenzen: Die Studien zu Train Low stammen überwiegend von gesunden, gut trainierten Männern. Bei Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen, in Schwangerschaft und Stillzeit, bei einem gestörten Essverhalten oder wenn du Medikamente nimmst, die den Blutzucker beeinflussen, ist Nüchterntraining nichts zum Ausprobieren auf eigene Faust.

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  2. Marquet LA et al. Enhanced endurance performance by periodization of carbohydrate intake: "sleep low" strategy. Med Sci Sports Exerc 2016; 48: 663–672.
  3. Gejl KD et al. No superior adaptations to carbohydrate periodization in elite endurance athletes. Med Sci Sports Exerc 2017; 49: 2486–2497.
  4. Burke LM et al. Low carbohydrate, high fat diet impairs exercise economy and negates the performance benefit from intensified training in elite race walkers. J Physiol 2017; 595: 2785–2807.
  5. Lemon PW, Mullin JP. Effect of initial muscle glycogen levels on protein catabolism during exercise. J Appl Physiol 1980; 48: 624–629.
  6. Mountjoy M et al. 2023 International Olympic Committee's (IOC) consensus statement on Relative Energy Deficiency in Sport (REDs). Br J Sports Med 2023; 57: 1073–1097.
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